Bauweise

Kürzlich meinte ein Freund der zur Miete wohnt, er habe sich noch nicht dazu durchringen können, viel Geld für den Kauf eines der Pappkartonhäuser hier auszugeben. Und wenn man die deutsche Massivbauweise kennt (im Süden das klassische einschalige Ziegelmauerwerk auf einem Keller mit Wänden aus Beton oder Betonsteinen – ich hab ja mal Baustoffkaufmann gelernt…) dann kann man das verstehen. Obendrauf dann noch die Eindrücke der schrecklichen Bilder aus Japan wo Häuser mal eben mit der Flutwelle wegschwimmen, und man betrachtet die Bauweise hier durchaus mit, äh, ein wenig Skepsis.

Da unser Wohngebiet „4S Ranch“ quasi ein Neubaugebiet ist kann man die Bautätigkeit auf der einen oder anderen Baustelle mitverfolgen. Und das habe ich getan. 🙂

Bißchen komisch ist dabei erstmal: der zum Haus dazugehörige Garten ist meistens eher klein. Man möchte meinen, dass bei einem großen Haus (und die Einfamilienhäuser hier in der Gegend sind wirklich groß) doch auch ein großer Garten dazugehört, für die Kinder, und den Hund, und so. Ist aber nicht.

Das wird etwas einleuchtender wenn man ans Klima denkt: einen Rasen muß man hier permanent bewässern. Die örtliche Wasserversorgung bietet hin und wieder finanzielle Anreize für alle Hausbesitzer die ihren Vorgarten in einen Steingarten oderso umwandeln (die Abwrackprämie für den Rasen, quasi), und am Ortseingang mancher Gemeinden stehen Schilder: „Schalte den Rasensprenger ab wenn es regnet!“ – Wasser ist kostbar, ein großer Garten mit Spielrasen also teuer im Unterhalt.

Die kontemporäre Bauweise hier in der Gegend besteht aus einer betonierten Bodenplatte (ohne Keller) mit draufgebasteltem Holzständerwerk. Während das Ständerwerk errichtet wird werden Kunststoffenster gesetzt – kein Drehkipp-Beschlag oderso, das sind einfach Schiebefenster, die Fliegengitter gehören glaube ich zum Standard. Rauslehnen und rausgucken geht nicht. 😛

Das Ständerwerk wird außen mit OSB-Platten verkleidet (das ist eine Art Spanplatte mit sehr sehr groben Spänen), innen mit Gipskarton. Außen kommt dann eine schwarze Dampfbremsfolie drauf, darüber ganz klassisch verzinktes Sechseckgeflecht („Hasendraht“) als Putzträger. Außen wird dann eine feine Schicht Strukturputz aufgetragen.

Der Dachstuhl ist aus dem gleichen Holztragwerk wie das restliche Haus, da ist nichts mit Dachsparren und Dämmung dazwischen oder obendrauf – wozu auch? Es ist eh immer warm. Die oberste Geschoßdecke wird gedämmt, aus. Aus dem Dach ragt eine Kaminattrappe – bei den Einfamilienhäusern ist darin der Ventilator der Klimaanlage eingebaut. Obendrauf kommen dann braungescheckte Betondachsteine – fertig.

Ich weiß nicht wie das ganze organisatorisch abläuft, aber wenn ich mir die Häuser in der Nachbarschaft so angucke dann sind die alle mehr oder weniger gleich. Es gibt ein paar verschiedene Typen Häuser die in einer Straße dann Wechselweise angeordnet werden, zum Teil wird der Bauplan ganz offensichtlich an einer Achse gespiegelt.

Es scheint also so zu sein, dass die Häuser eines Blocks oder eines Reihenhauskomplexes komplett von einem Bauträger errichtet und erst dann verkauft werden. Individuell errichtete Häuser so wie in Deutschland, wo in einem Neubaugebiet eine jede Familie einen eigenen Architekten, eigenen Bauunternehmer, Installateur usw. beauftragt sieht man hier eher in exponierteren Lagen an Hängen oder auf Hügeln, und dann weiss man gleich: das war richtig teuer. 🙂

Wenn man mich nach meiner persönlichen Meinung dazu fragt denke ich mir mit meinem Hintergrundwissen natürlich schon meinen Teil – zum Beispiel wie angenehm so ein unterkellerter Massivbau temperaturtechnisch ist: bleibt im Sommer tagsüber kühl (unser Schlafzimmer ist ab dem frühen Nachmittag der wärmste Raum im Haus) und die aufgenommene Wärme in den massiven Wänden wird über Nacht gespeichert.

Und dann ist da natürlich auch die Sache mit dem Schallschutz – schwere Baustoffe schwingen halt nicht so schnell, und Kommunwände zwischen Reihenhauseinheiten wie in Deutschland, die im Sinne der Schallentkoppelung aus zweischaligem Mauerwerk mit dazwischenliegendem schweren Dämmstoff erstellt werden sind völlig fremd.

Jedenfalls in unserem Reihenhaus. Wenn beim Nachbarn die Waschmaschine läuft dann hören wir das. Und sie läuft oft, die Nachbarn haben nämlich Kinder. Die wir beim abendlichen Toben bevor’s ins Bett geht hören, und beim morgendlichen Rumgewusel bevor sie zur Schule müssen ebenfalls. Das stört mich nicht, es ist nur anders als in Deutschland – und immer noch um ein vielfaches besser als meine hellhörige Wohnung in dem Mehrfamilienhaus in dem ich zuletzt in Deutschland gewohnt habe. Aber das nur nebenbei.

Andererseits hat diese Bauweise natürlich auch Vorteile: die Häuser sind sehr schnell errichtet, es braucht wenig schweres Gerät dafür, der Bau muss nicht großartig austrocknen, es gibt keinen Betonestrich der sich jahrelang setzt wodurch immer wieder die Silikonfugen abreißen, usw. usf.

Und: die Installationsarbeiten sind super einfach. Bei einer massiven Ziegelwand fräst man für die Installationskanäle nachdem das Häusl steht die Hälfte wieder weg (lecker roter Ziegelstaub bis in die Poritze!) – das ist bei Holzständerbauweise halt ganz anders. 🙂

Abschließend nur noch eines: bitte keine falschen Rückschlüsse ziehen. Was ich beschrieben habe gilt nur für hier, den Süden Kaliforniens. Das ist nur ein kleines Eckchen eines einzigen von über 50 Bundesstaaten, und so verschieden wie das Land und seine Leute ist sicherlich auch die Bauweise.

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