1100km später…

Am Wochenende haben wir einen „kleinen“ Roadtrip gemacht: am Freitag mittag via Los Angeles in Richtung Bakersfield, dort in einem Best Western Motel übernachtet, am Samstag morgen westwärts zur „Carrizo Plain“ am südwestlichen Rand des kalifornischen Längstals (Central Valley). Am Abend dann wieder zurück zum Motel, und am Sonntag heimwärts mit einem kurzen Abstecher in den Los Padres National Forest, eine Straße führt dort bis auf ca. 2500m Höhe in die Nähe des Mount Pinos. Zum Wandern war es dort leider noch zu verschneit. Insgesamt haben wir so mal eben rund 1100km zurückgelegt – das Land ist groß. Verdammt groß. Wenn man aus den Bergen hinunter Richtung Bakersfield fährt bekommt man eine Ahnung davon.

Die Carrizo Ebene ist das grösste zusammenhängende, weitgehend ursprüngliche Grasland Kaliforniens – und atemberaubend schön. Um diese Jahreszeit ist dort Wildblumensaison, nur fiel diese dieses Jahr leider nicht so üppig aus und war bei unserem Besuch schon fast vorüber – trotzdem gab es noch einige Blumenteppiche, der Duft wenn man darin steht ist einfach unglaublich, honigsüß, ähnlich wie ein Rapsfeld in voller Blüte, aber eben wild. Die Landschaft selbst ist einfach wahnsinnig schön, eingefasst von zwei Gebirgszügen streckt sich das Grasland aus und geht über in weich geschwungene Hügel – ein Anblick von der Art bei dem einem das Herz ganz weit aufgeht und man irgendwie nicht recht fassen kann, dass es sowas gibt.


Carrizo Plains und Soda Lake, links Temblor Range, rechts Caliente Range
(bitte Bild anklicken für eine größere Ansicht)

Die Vorstellung, dass das gesamte kalifornische Längstal früher so ausgesehen hat lässt einen gleichzeitig staunen (und an Karl May, Indianer, Wildwestromantik denken) und macht traurig wenn man sich anschaut, wie es heute dort aussieht: Agrarfabriken mit Obstbäumen die meilenweit in Reih und Glied stehen, teilweise auch Ölgewinnung, ein chaotisches Gewirr von Überlandleitungen bei deren bloßem Anblick man einen Hirntumor bekommt, dazwischen kilometerlang geradeaus führende Straßen und verstreute und eher hässliche Ortschaften…

Nichtsdestotrotz steht schon fest: da müssen wir nächstes Jahr wieder hin (aber halt früher: mehr Blumen!!!), auch wenn der Weg eher beschwerlich ist: der Verkehr rund um Los Angeles ist Irrsinn. So wie München Ost A99 Höhe Föhring und so an einem guten Wochentag, und wir Idioten fahren am Freitag nachmittag da durch – geniale Idee. 😛 Na ja, mehr als 10% (rund 4 Millionen) der kalifornischen Einwohner (rund 37 Millionen) lebt in Los Angeles. Und alle haben ein Auto. 😉

Apropos Autos: rein aufgrund der Menge an Sichtungen ist es glaube ich legitim festzustellen, dass Amerikaner Pick-Up Trucks lieben. Die Ladefläche ist im Vergleich zum durchschnittlichen Kofferraum riesig (und bei so wenig Niederschlag wie hier ist die offene Ladefläche auch kein Problem), die Anhängelast ist gewaltig (es gibt unglaubliche Wohnanhänger dafür), auch die meisten Handwerker fahren mit sowas rum. Außerdem natürlich: Allradantrieb und eine große Bodenfreiheit.

Die große Bodenfreiheit und Allrad sind in der Carrizo Ebene sicherlich praktisch: es gibt keine durchgehend geteerte Straße durch das Gebiet – die Hauptstraße, der Soda Lake Road, ist nur zu etwa 1/3 geteert, danach geht’s auf einem „Graded Dirt Road“ weiter – also eine planierte Staubpiste. Abseits der Zentren und im Hinterland ist das nicht selten und hat einen gewissen Charme. Solche Straßen kann man auch mit einem ganz normalen Auto befahren, kein Problem, aber… staubig. Sehr staubig. Es ist unglaublich wie hartnäckig sich der Staub überall festsetzt.

Apropos Fahrbahnbelag: der ist auf den Autobahnen hier zum Teil atemberaubend beschissen, anders kann man das gar nicht sagen (Kalifornien hat, wie viele andere Bundesstaaten auch, ein äh, kleines Haushaltsdefizit). Die Interstate 5 ist größtenteils eine Betonplatten-Buckelpiste (ich glaube der Begriff dafür ist in Deutschland üblicherweise „Hitlerautobahn“) mit Rissen und Schlaglöchern, die alles andere als die erlaubten 70 Meilen pro Stunde (ca. 120km/h) wenig empfehlenswert erscheinen lassen (noch ein Grund für die großen Pick-Up Trucks: die großen Reifen schlucken die Schlaglöcher sicherlich leichter).

Apropos Autobahn: in Amerika herrscht teilweise eine große Verklärung über die deutschen Autobahnen, wo ja „freie Fahrt für freie Bürger“ herrscht. So die gängige Meinung.

Von der Tatsache, dass manche Autobahnen in Deutschland Dauerbaustellen sind mal ganz abgesehen*: dass der Großteil der deutschen Autobahnen längst ganzjährig einer Geschwindigkeitsbegrenzung ganz ähnlich der amerikanischen unterliegt, und dass die Autobahnen allenfalls in der Nacht überhaupt dauerhaftes Fahren jenseits von 120km/h ermöglichen weil sie sonst genauso verstopft sind wie die amerikanischen Interstates rund um die Ballungszentren (und was die Bevölkerungsdichte betrifft ist ganz Deutschland ein Ballungszentrum, jedenfalls im Vergleich) wird gnädig ausgeblendet. 🙂

[im übrigen bin ich ganz klar ein Freund von Geschwindigkeitsbegrenzungen: das Fahren als solches ist viel entspannter, weil halt garantiert kein Held mit seinem TDI-Kombi mit 220km/h von hinten angerauscht kommt wenn man selbst mit ungefähr Richtgeschwindigkeit auf einen LKW aufläuft. Nur meine Meinung.]

Apropos Höchstgewindigkeit: wenn man sich daran hält ist man ein Hindernis – und wird von allen anderen überholt. VON ALLEN! Jeder fährt grundsätzlich ein wenig schneller als erlaubt. Andererseits ist es unheimlich entspannend, wenn man ein klein wenig langsamer als alle anderen fährt, weil man garantiert nie selbst auf einen Schnarcher vor einem aufläuft – weil man ja selbst der Schnarcher ist! Hehe.

Apropos Schnarchen: das „Best Western“ Motel in dem wir übernachtet haben ist kaum mit dem zu vergleichen, was diese Hotelkette in Deutschland in Ihren Häusern bietet. Ein zweistöckiger, L-förmiger Bau direkt an der Autobahn (Interstate), die Türen führen vom Parkplatz direkt zu den Zimmern im Erdgeschoß, die bereits beschriebene Bauweise macht das ganze sehr hellhörig – und wenn auf der Autobahn ein Lastwagen vorbeidonnert wackelt die Wand. Nur gut, dass ich immer meine Ohropax mitnehme. 🙂 Im Preis enthalten ist ein „kontinentales Frühstück“ – darüber lasse ich mich jetzt mal lieber nicht weiter aus, nur so viel: das Angebot besteht grösstenteils aus Dingen die nicht verderblich sind. Es gibt Toast oder „English Muffins“, abgepackte Erdbeermarmelade und Streichkäse, verpackte süße Gebäckstückchen – und hartgekochte Eier. Die sind kalt, man kann sie sich in der Mikrowelle aufwärmen. Wusstet ihr, dass auch hartgekochte Eier in der Mikrowelle explodieren? Wir auch nicht. 😛

Apropos Essen: wenn man so unterwegs ist, dann landet man zwangsläufig in den „mehr oder weniger schnell“ Restaurantketten (Denny’s, IHOP, usw.). Das Essen dort… ich weiß gar nicht wie man das sagen soll. Es sind standardisierte, austauschbare Gerichte, bei denen ich das Gefühl nicht loswerde, dass sich ein guter Teil davon direkt auf den Hüften absetzt. In manchen dieser Restaurants sind zu jedem Gericht auf der Speisekarte auch die Kalorien aufgeführt, und wenn man sich über Frühstück, Mittag- und Abendessen dort verköstigt dann konsumiert man dabei mit Sicherheit recht locker 3000 Kalorien pro Tag. Getränke und Desserts NICHT mitgerechnet. Das fiese daran ist natürlich: das Zeug ist lecker! Nächstes Jahr müssen wir mehr Brotzeit einpacken. Das Äquivalent zur als Wanderbrotzeit unverzichtbaren Kaminwurz ist hier übrigens „Beef Jerky„. Gar nicht schlecht, wenn auch ein wenig süßlich. Nur einen Ersatz für mein geliebtes Schüttelbrot muss ich noch finden… womit wir dann wieder beim Thema „Brot in the USA“ wären. 😉

*) Autobahnbaustellen sind hier, soweit ich das bisher feststellen kann, überwiegend Nachtbaustellen, so wird der starke Verkehr nicht so sehr behindert – für die Anwohner ist das natürlich nicht so schön: tagsüber Verkehrslärm, nachts Planierraupen…

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