Führungsqualitäten

Ich weiss nicht warum, aber mir fiel gerade eine Episode aus meinem ersten Beruf ein. Nach der Lehre, Fachoberschule, Zeitarbeit am Fließband in den Ferien und anschließendem Militärdienst hatte ich eine Stelle in meinem erlernten Beruf gefunden – am Ort, sehr praktisch.

[Ich konnte mit dem Fahrrad in die Arbeit fahren und mir für ein paar Monate das Auto sparen – dank einer unglaublich idiotischen Idee meines Stiefvaters mit einem Leasingvertrag (ich kann Gerhard Polts Aufregung also durchaus verstehen – und ja, davon gibt’s auch eine ziemlich witzige Hitler-Synchronisation) war ich ziemlich Pleite und sehr froh, als der Vertrag endlich zu Ende war und ich dem Händler sein Auto zurück auf den Hof stellen konnte. Aber das nur nebenbei.]

Es waren die ersten paar Tage oder Wochen in denen mich der Chef und Firmeninhaber bat, im Lager nachzusehen ob genug von einem bestimmten Dämmstoff für einen Kundenanfrage vorrätig sei (das Vertrauen in die Lagerbestandsanzeige der EDV* hatte im Zweifelsfalle keiner). Nun war das Dämmstofflager zu diesem Zeitpunkt ein totales Durcheinander und platzte aus allen Nähten (später wurde eine neue Lagerhalle unter anderem dafür gebaut). Der Lagerist der den Durchblick hatte lud gerade einen Lieferanten-LKW ab und ich brauchte zwei Anläufe ehe ich – beim zweiten Mal mit Hilfe des Lageristen – das Material im Lager fand. Es war hinter einer anderen Ware gestapelt. Das musste man also erstmal wissen.

Nachdem ich also einige Zeit mit Hin- und Hergerenne zwischen Lager und Chef-Büro verbracht hatte und dem Chef den exakten Bestand melden konnte war sein Kommentar: „Weisst Du Alex, von jemandem der das schonmal gelernt hat hätte ich mir schon etwas mehr erwartet“. Damals war ich ein „junger Bursch“ und dachte mir neben „Du Arschloch, woher soll ich wissen dass dieser Teil vom Lager eine solche Katastrophe ist?“ erstmal nicht mehr viel.

Aber irgendwas von diesem Vorfall ist offensichtlich bis heute hängengeblieben, sonst würde es ja nicht mehr in meinem Hirn auftauchen und mich zu einem Eintrag hier animieren.

Die Ansage des Chef’s finde ich – rückblickend betrachtet, als Erwachsener mit ein paar mehr Jahren Berufserfahrung – einfach absolut unmöglich, niederschmetternd, ungerechtfertigt, unfair. Oder zumindest seeehr seeehr ungeschickt gewählt wenn er mir eigentlich sagen wollte, dass ich im Lager seiner Firma mit einer eher unkonventionellen Organisation durch den Lageristen der seinen Weisungen folgt rechnen muss.

Rückblickend betrachtet hätte ich damals den Schneid haben sollen ihm das zu sagen, aber in meiner Unreife, Überraschung und Verletztheit war keine Zeit für derartig nüchterne Reflektion. So frage ich mich heute also, was der Mann wohl mit diesem Spruch bezwecken wollte. Ob er ihn meiner Einstellung ihm als Chef gegenüber hilfreich fand?

Von einem Chef hätte ich mir schon etwas mehr erwartet.


*) das System bestand aus einem SCO-Server auf dem eine Branchensoftware lief und mehreren schwarz/grün Terminals. Es wurde gemeinhin nur „die EDV“ oder „die Anlage“ genannt und jeden Abend heruntergefahren und am Morgen neu gestartet, was immer ein bisschen spannend war.

Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s