Morgenrituale

Nach dem Aufstehen zapfe ich mir einen Espresso, mache der lieben Frau ein Frühstück, und dann führt fast jeden Tag der erste Spaziergang den ich mit Toni mache hier um die Häuser. Es ist ziemlich witzig, denn Toni „besteht“ beinahe auf ihre übliche Route. Und während wir rituell unsere Tour gehen treffen wir auf andere Menschen, die ebenfalls ihren Morgenritualen nachgehen. Davon handelt dieser Eintrag.

Da wäre zunächst mal die unmittelbaren Nachbarn. Die einen haben zwei psychotische kleine weiße Pudel die sich bei der Begegnung mit Toni aufführen wie warmes Cola. Das scheint irgendwie in der Natur dieser Hunde zu liegen, davon gibt es hier mehrere.

Die nächsten Nachbarn haben zwei nette kleine Hunde – aber wenn Frauchen mit ihnen spazieren geht dann führt sich einer davon „tierisch“ auf. Kläfft und knurrt und droht. Nicht mit dem Herrchen, da ist alles ok. Nur mit dem Frauchen. (Anmerkung: „Herrchen und Frauchen“ sind hier „daddy and mommy“).

Die erste Straße runter dann ein Asiate mit zwei Etepetete Collies. Gekämmt und mit wallendem Haar, auch beide etwas durchgeknallt. Er geht immer genau so weit bis beide Hunde gekackt haben, dann dreht er um und geht nach Hause. Kein Wunder, dass die Hunde etwas durchgeknallt sind – Lassies wollen doch immer Leute retten!

Am Ende des ersten Blocks beginnt dann der obere Teil eines kleinen Parks mit Bäumen und ein paar Bänken. Dort ist seit einiger Zeit ein alter Mann der Yoga praktiziert. Er macht diverse Streck- und Dehnübungen. Dann sitzt er da und brummt diverse Ohhhmms und fährt mit der wechselseitigen Nasenatmung (Nadi Shodhana) fort, oder auch mal dem Schädelleuchten (Kapalabhati). Bewundernswert: brummende Rasenmäher, sirrende Motorsensen und dröhende Laubblasedinger scheinen ihn nicht im geringsten zu stören. Abschließend eilt er mit kurzen schnellen Schritten hinfort.

Nicht weit davon entfernt ist manchmal ein älteres asiatisches Ehepaar, er trägt immer ein beigen Hut, gemeinsam gehen sie spazieren und machen dann einige Dehn- und Streckübungen bei denen er lautstark schnauft und in die Hände klatscht. Irgendwie sind die beiden schrullig, niedlich und respektabel gleichzeitig, eine ganz wunderbare Mischung.

Ein Grüppchen alter chinesischer Frauen, meist 3 oder 4 der Damen, geht auf dem Oval rund um die Wiese tratschend und gut gelaunt schnatternd ein paar Runden (wobei ich das bei den fernöstlichen Sprachen nie so genau sagen kann: manchmal denke ich, dass Shuwen sich gerade fürchterlich mit jemandem streitet, so dramatisch klingt das, und dann brechen alle in Gelächter aus). Eine der Damen hat einen ganz krummen Rücken und stets ein zufriedenes Lächeln im Gesicht, die zweite eine von diesem Sonnenbrillen für Leute mit extrem lichtempfindlichen Augen (auch an den Seiten völlig dicht und dunkel), die dritte trägt eine Art Rucksack der aber keine Schultergurte sondern nur dünne Schnüre hat. Das muss doch weh tun.

Einmal bin ich dieser Dame alleine begegnet, sie sprang vom Weg fast in die Wiese und rief mir mit deutlichem Akzent zu: „I scare dog!“ aber Toni blieb ganz ruhig und desinteressiert (die Dame meinte natürlich „I’m scared of dogs“ – meine Versicherung, dass Toni völlig harmlos sei hat sie glaube ich nicht recht verstanden). Überhaupt reagieren manche Leute hier so hoffnungslos übertrieben auf Hunde, dass ich manchmal direkt ein schlechtes Gewissen bekomme wenn ich einfach so weiter- und auf sie zugehe. Na ja.

An der Wiese entlang geht’s dann runter Richtung Spielplatz, wo sich in der Früh eine kleine Gruppe von Asiaten zum Shiatsu trifft. Aus einem Kassettenrekorder, je nach Ladezustand mehr oder weniger stark leiernd, tönt etwas blechern traditionelle Musik und eine fiepsige Frauenstimme die Anweisungen gibt (das kann man jetzt schlecht im Text wiedergeben, ist aber wirklich sehr erheiternd). Eine der Übungen beinhaltet langsame Bewegungen mit einem Schwert. Die Teilnehmer haben dafür alle unterschiedliche Spielzeugschwerter dabei. Eine der Damen hat z. B. ein Plastiklichtschwert. So kommt Star-Wars Merchandise zu völlig unerwarteten Einsätzen.

Direkt daneben dann ein oder zwei asiatische Männer die immer Diabolo (Jojo mit Stöcken) spielen und mit dem sirrenden, schwebenden Klang einen interessanten Kontrapunkt zu den Shiatsu-Kassetten bilden. Die Tricks und Kunststücke gehen oft daneben und das Spielgerät fliegt dann durch die Gegend.

Am unteren Ende des Parks sind zwei Basketballkörbe. Ein asiatischer Jugendlicher dribbelt dort jeden Morgen und wirft Körbe. Er hat ein Baseballcap auf, schlabbrige Baseballshorts und ein weites trägerloses Shirt mit Nummer über einem normalen Shirt. Das ist vielleicht von allen Menschen die ich sehe der faszinierendste: er ist so gut wie jeden Tag da. Wochentags wie Wochenends. Ab etwa 7.30 Uhr. Ein Jugendlicher!

Wir schwenken dann nach links und befinden und quasi wieder auf dem Weg zum Haus, an einer weiteren kleinen Wiese entlang die aufgrund des Sprinklereinsatzes regelmäßig eher einem Feuchtgebiet gleicht. Leider viel zu selten begegnen wir hier einer Frau mit einem beigen Chihuahua namens – Chico. Der Kleine ist ein toller Wiesenraser, genau wie Toni, und die beiden können super miteinander, es macht immer grossen Spass ihnen zuzuschauen.

Seltener begegnen wir auch einer kleinen älteren Dame die stets einen flotten Hut trägt und mit einem etwas zerzausten kleinen, älterem Terriermix spazieren geht. Mit Engelsgeduld lässt sie das Hundchen ausgiebig an jedweder Stelle schnuppern so lange es möchte und geht scheinbar recht planlos die Wege und Straßen entlang – ich vermute, der Hund wählt die Route, sie geht einfach hinterher.

Das alles ereignet sich üblicherweise vor 8.30 Uhr. Um 9 Uhr geht nämlich die Schule los, und ab 8.30 Uhr bricht dort das Verkehrschaos aus. Die Schulbusse sind fast leer, und alle Eltern bringen ihre Kinder mit dem Auto zur Schule. Selbst unser Nachbar, dessen Kinder wirklich nur 10 Minuten zur Schule die Straße runterlaufen müssten, fährt die Kinder mit dem Auto…

Und dann gibt es noch die Menschen die verschwunden sind:

Die blonde Joggerin, Anfang 30, die immer eine Batterie an Fitnessequipment dabeihatte. Sie kam immer mit einer weissen C-Klasse zu dem betonierten Oval rund um die Wiese, deponierte ihre Utensilien, dann ein paar Runden joggen, anschliessend Hantel- oder Gummibandworkout, wieder joggen.

Ein älterer Herr, stattlich, mit fast weissem Haar und weissem Bart, einen Kinderwagen schiebend, vermutlich sein Enkel. Immer am Telefon, freihändig mit „Knopf im Ohr“, in einer Sprache kommunizierend die ich nicht verstand. Er schaute immer recht griesgrämig, aber sobald wir uns einander näherten winkte und lächelte er, sein Gesicht wurde dadurch völlig verwandelt – warm, herzlich. Er hat nie etwas gesagt, nur gewunken. Vielleicht sprach er gar kein Englisch?

Das ältere indische Paar, er stets elegant gekleidet, strenger Blick, seine Frau hinter ihm her, im Sari und darunter viel zu große weiße Turnschuhe – ich glaube es waren seine. Sie haben nie meine morgendlichen Grüße erwidert, nur immer streng geschaut. Außer 1x im Monat, dann war ihr Enkelkind zu Besuch, sie schoben den Kinderwagen, und wenn ich mit Toni daherkam lächelten sie mir zu und deuteten auf Toni und sagten wohl: „ei gucki, ein Wau-wau!“ – aber halt in Hindi, oderso.

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