Die Menschen hier sind nett

Ich bin ja der Meinung, dass die Medien viel zu viele negative Nachrichten enthalten – es scheint irgendwie menschlich zu sein, dass man sich eher für ein Unglück oder etwas Blödes interessiert, etwas Negatives, dass einen aufregt, als für etwas Positives, dass einen froh und glücklich macht. Verschwörungstheorie? Wir sollen alle immer wenigstens ein bißchen unglücklich sein, damit man uns stets noch einen draufdrücken kann – „ab sofort gilt die 45-Stunden Woche, ohne Lohnausgleich, denn es geht uns schlecht – ihr habt ja alle die Nachrichten gesehen!“ – möglich wäre das ja…

Und in der Tat, der Konsum von Nachrichten macht unglücklich. Ich habe vor einiger Zeit schon mal einen Beitrag dazu geschrieben, und ein Artikel im Guardian (Englisch, und natürlich in einem Nachrichtenblatt, harhar) hat das kürzlich auch zum Thema gemacht.

Meine eigenen Beobachtungen dazu gehen wesentlich weiter zurück, zu Urlauben in Griechenland etwa. Natürlich ist Urlaub immer schön, doch da ist ein besonderes Gefühl der Leichtigkeit und Freiheit, dass schlagartig vergeht wenn man an einem Lädchen vorbeiläuft dass auch deutsche Presse im Angebot hat: beim Überfliegen der Schlagzeilen bekommt man einen Magenschwinger von der Sorte: „Zu Hause alles Scheisse! Wie immer! Komm Du nur heim, wir ziehen Dich runter, Du mieser kleiner Urlauber, denkst wohl Du könntest entkommen, was?“

Manche Menschen mögen in der Lage sein, Nachrichten neutral zu konsumieren, einfach um auf dem Stand der Dinge zu sein – ich gehöre nicht dazu. Der ganze Scheiss der tagtäglich in der Welt passiert zieht mich runter und gibt mir ein Gefühl der Macht- und Hilflosigkeit. Warum sollte ich mich dem aussetzen?

Das quasi als – sehr kurze, haha! – Einleitung zu einer positiven Nachricht.

Denn ich muss es Euch einfach mal sagen: die Menschen hier sind einfach super nett. Die Zufallsbegegnung auf der Straße, beim Wandern, beim Spazierengehen ist um Längen erfreulicher als das deutsche Pendant, das kann ich nicht verleugnen. Gestern beim Spaziergang mit Toni einem Herrn mit Kleinkind und Hund begegnet, ein wenig ins Plaudern gekommen, wir kennen den Hund und das Kind, aber nicht ihn (es stellte sich heraus, er ist der Opa und kümmert sich multitaskenderweise um Hund und Kind).

Nach 1-2 Sätzen fragt er mich nach meinem Namen, er sagt mir seinen (Ken), wir schütteln uns die Hand…

„Hey, woher kommst Du, Du hast da so einen Akzent“

„Ooooh ja, den habe ich – ich bin Deutscher.“

„Ahhh, ja! Wie ist denn Dein Nachname?“

„Kunz (käi – ju – en – sii)“

„Den Namen habe ich schon oft gehört! Unser Nachbar heisst Busch, also deutsche Schreibweise, mit dem C drin – na ja, ich glaube wir haben ja alle deutsches Blut in unseren Adern. Also, wenn man nicht grade rothaarig ist und aus Irland stammt (lacht)“

…und wir plauschen so ein wenig darüber, dass man Deutsche ja doch irgendwie auch am Äusseren erkennen kann* und lauter so Sachen. Total nett, und einfach so, mit einem wildfremden Menschen der nebenbei damit beschäftigt ist seinen Enkel im Auge zu behalten und dem Hund (der heisst Huck, also Huckleberry, und ist ein total gutmütiger, enorm großer Golden Retriever) den Ball zu werfen.

Derlei Dingen passieren mir so häufig, dass sie mir auffallen. Beim Wandern an einem kleinen Gipfel sagt ein junger Kerl, Oberkörper frei und total geschwitzt zu mir „Klasse Aussicht, was?“, ich stimme zu und er bemerkt meinen Akzent, fragt woher ich komme, und flugs stellt sich heraus, dass er mal für ein Jahr in Deutschland gelebt habt. Oder der schnaufende Herzchirurg auf 3500m Höhe der von seinen deutschen Eltern erzählt, oder oder oder. Alle haben stets nur Positives über Deutschland zu sagen. Alle! (das mag zu einem gewissen Teil natürlich schlicht die Höflichkeit der englischsprachigen Welt sein, klar.)

Auch die Herzlichkeit mit der ich hier von Shuwens Freunden aufgenommen wurde, und wie ich ganz selbstverständlich ein fester Bestandteil der Einladungen zu Parties und Feierlichkeiten wurde gehört dazu. Und die Freunde die ich hier durch Fotografieren und/oder Wandern gewonnen habe – das ist einfach toll, und ich wage zu behaupten, dass ich unter diesem Einfluss ein offenerer, toleranterer und sozialerer (ist das ein Wort?!) Mensch geworden bin. Echt jetzt.

Und dann die „sozialen“ Medien.

Wo der totale Dreck den irgend ein dummer Prolet via Smartphone in seinen Twitteraccount kotzt aufgegriffen und aufgebauscht wird. Und einige meiner deutschen Freunde, die sich genau das herausgreifen und bei Facebook darüber schwadronieren, wie dumm und gefährlich „die Amis“ doch sind. Und einfach mal alle über einen Kamm scheren, und sich am negativsten Beispiel aufgeilen. Die folgenden Zeilen sind für Euch.

Leute, das kotzt mich so an. Macht die Augen auf. Es gibt überall blöde Menschen, und manche haben einen Twitter-Account, und andere nicht. Vermutlich sind blöde Amerikaner ein bißchen lauter als blöde Deutsche (die dümmsten Deutschen haben vermutlich keinen Internetzugang), aber es gibt genauso schreckliche, blöde Deutsche die dumme Sachen sagen. Vergeßt das mal nicht weil ihr in der glücklichen Lage seit, eine bessere Bildung und einen höheren Lebensstandard zu haben (ob durch eigene Kraft oder elterliche Fürsorge) und Grün wählt. Ihr seit eine Minderheit in Deutschland. Genauso wie schlaue, moderate und aufgeklärte Menschen (<- damit seit Ihr gemeint!) in jedem anderen größeren Land auf dieser Erde eine Minderheit sind. Das ist leider so.

Und noch eines: die Vereinigten Staaten bestehen aus fünfzig zusammenhängenden Einzelstaaten die sich über drei Zeitzonen verteilen. Kalifornien alleine bedeckt mehr Fläche als das wiedervereinigte Deutschland. Wenn ihr das nächste Mal über „die dummen Amis“ lacht, deren Geographiekenntnisse über Europa ja sooooo blamabel sind, dann nehmt eine Umrisskarte der USA und zeigt mir darauf mal zack-zack wo Tennessee ist, und sagt mir was die Hauptstadt von Kalifornien ist (Hinweis: nein, nicht LA oder SF, sorry). Oder nehmt einen anderen Kontinent, und lokalisiert Zimbabwe. Oder Bhutan. Oder versucht Euch mal an diesem Spiel: United States Map Puzzle. Einfach mal „States – hard“ auswählen. Viel Erfolg!

Die Welt ist ein bißchen größer als sie von Deutschland aus aussieht, und vor allen Dingen fehlt Euch eines: ein anderer, intimerer Blickwinkel auf andere Menschen und Kulturen. Bitte, denkt mal dran bevor ihr den nächsten Kack über „doofe Amis“ bei Facebook unreflektiert in Euren Stream furzt, oder in der Negativität von doofen Nachrichten badet und ausgerechnet dadurch irgendwie zu dem Schluß kommt, dass ihr besser seiet. Ihr kommt als ziemlich arrogant und selbstgefällig rüber, und das wollt ihr vermutlich eigentlich gar nicht. Aber es nervt, und das musste mal gesagt werden.

Danke für’s Lesen und Eure Zeit.


*) ist uns auf dem Flughafen so gegangen, als wir einen Kaffee getrunken haben: 2 Tische weiter saß ein Pärchen, Shuwen guckt mich an, ich gucke sie an, sie sagt „sind die Deutsche?!“ – ich hole ein paar mehr Papierservietten, gehe lauschend vorbei – Bingo, Deutsch! Frau mir kurzem blonden Haar, er grau und gepflegt, beide in einer Art Wanderkleidung, kariertes Hemd und flotte Bluse, sowas halt. Irgendwie witzig.

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4 Comments

  1. Hallo Alex, ich kann Dir nur zustimmen. Ich war in New York auf Urlaub und habe nirgendwo sonst, so viele höfliche und hilfsbereite Menschen getroffen wie dort. Ganz gleich in welcher Situation. Wir standen des öfteren mit dem Stadtplan da und sofort blieb jemand stehen und fragte, ob er helfen kann. Oder beim Fotografieren, da blieben die Leute stehen, bis wir unser Foto gemacht hatten. Das hab ich hier nie erlebt. Also wirklich volle Zustimmung !!!!!

    1. Vielen Dank für den Kommentar, Irmgard – eine ganz prima Beobachtung, das ist mir auch schon aufgefallen (inbesondere beim Fotografieren, natürlich!;-). Schön, dass Dir das positiv aufgefallen ist, freut mich wirklich.

  2. Danke für Deine aufrüttelnden Worte. Ich werde versuchen Deinen Rat des weniger schlechte Nachrichten Verbreitens und Lesens anzunehmen. Glücklicherweise kenne ich einige „Amis“ und habe sie als Freunde behalten können , trotz Pausen zwischen den persönlichen Begegnungen von Jahren oder manchmal auch Jahrzehnten. In einer Woche bin ich in Georgia und South-Carolina. Freu mich schon riesig.

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