Kleine Deutschland Nachlese

Nachdem wir jetzt doch schon wieder 4 Wochen aus Deutschland zurück sind und ich mich gestern bei einem Bier mit einem Freund ein wenig ausgetauscht habe gibt es doch so ein paar Gedanken die hängengeblieben sind und daher vielleicht blogpostenswert sind. Einfach um mal zu gucken wie man mit 3 1/2 Jahren Abstand als Deutscher Deutschland wahrnimmt, wie einen diese Abwesenheit verändert hat – und vermutlich auch, um das was man in der neuen Heimat hat zu würdigen und zu schätzen.

Landschaft

Weite, Wildnis, Einsamkeit… nein, das gibt es im Schwarzwald nicht. Stattdessen eine gepflegt-hübsche Kulturlandschaft bei der ich mich oft des Eindrucks nicht erwehren konnte, dass jeder Wald schon mindestens 1x komplett gefällt und wieder angepflanzt bzw. durch eine Nutzholz-Monokultur ersetzt wurde. Der einzige Rückzugsort in ein bißchen Wildnis in Deutschland scheinen doch die Berge zu bleiben – weil sie so unwirtlich sind, und so schwer zugänglich…

Das hätte ich auch gar nicht anders erwartet, und es ist ja irgendwie auch der Ausgangspunkt meiner Fotografie – der Blick auf die kleinen, intimeren Szenen in eben solchen Landschaften – aber dennoch, es war unerwartet deutlich, und befremdlich. Südkalifornien ist, wenn man von den Ballungszentren an der Küste mal absieht, halt doch eher leer. Und auf einer Fläche die größer ist als die von Deutschland (also Kalifornien gesamt jetzt) leben nur rund 30 Millionen Menschen – anstatt der 80 Millionen in Deutschland.

Städte

Meine Güte – alles wirkte so klein! Straßen, Wege, Bürgersteige, alles erschien mir irgendwie zusammengedrängt. In Kalifornien ist reichlich Platz, und so sehen die Neubaugebiete auch aus (in älteren Wohngegenden sind die Straßen etwas kleiner, aber die verwinkelten Gassen und Straßen deutscher Dörfer gibt es halt nicht). Und als ich neu in den USA war fand ich die Einkaufsmeilen (Englisch „strip mall“) ja auch etwas merkwürdig: jede Menge Läden und Restaurants scharen sich um einen mehr oder weniger großen Parkplatz den sich alle Läden teilen. Nachdem ich in Deutschland zum Teil 15 Minuten herumgezirkelt bin um einen Parkplatz in der ungefähren Nähe eines Restaurants zu finden (und das nicht in einer Stadt, sondern in einem totalen Kaff in der Nähe der Insel Mainau) kann ich dieses Konzept mittlerweile durchaus gutheißen. 🙂

Die Autounfreundlichkeit der deutschen Städte hingegen finde ich gut: nach Freiburg sind wir mit dem Zug gefahren, die Nutzung des ÖPNV ist in der Kurtaxe (1.60 pro Person und Tag) enthalten. Klasse gemacht. Und durch die Innenstadt von Freiburg mit grossen Fußgängerzonen zu schlendern ist wesentlich angenehmer, als Downtown San Diego zu Fuß zu erkunden, denn jenes ist halt einfach von Straßen durchzogen (und ja, auch da herrscht chronischer Parkplatzmangel…).

Immerhin stinkt es in San Diego nicht permanent nach dem verdammten Diesel. Sorry wenn ich mich da anhöre wie eine Schallplatte die hängengeblieben ist – ich finde das wirklich sowas von ätzend. Warum Diesel nach wie vor weniger besteuert wird als Benzin (ansonsten wäre der Preisunterschied ja längst dahin) ist mir vollkommen unverständlich.

Wetter

Oh Mann, ich bin völlig von San Diego verdorben, ernsthaft. Wir haben uns für unseren Besuch natürlich das heißeste Pfingstwochenende seit 35 Jahren oderso ausgesucht, gaaaaaanz prima. Heiss und schwül, und dazu Pollenflug. Absolute Wohlfühlbedingungen. Ich weiß nicht ob ich nochmal freiwillig im deutschen Kontinentalklima leben möchte. 😉

Menschen

Interessanterweise empfinde ich Deutsche nach wie vor als sehr locker und ungezwungen. Als wir eines Abends von einer Wanderung heimkamen, es war so gegen 20 Uhr, saß der Vermieter mit Nachbarn draußen vor dem Haus inmitten seiner „Baustelle“ (Terrasse und Eingang wurden neu gepflastert), und wir wurden sofort in die Runde aufgenommen, auf mehrere Biere eingeladen, und haben 2-3 Stunden gequatscht und erzählt und Witze gemacht.

Was irgendwie nicht so zu meiner nächsten Beobachtung passt: wie Shuwen oft angegafft wurde. Das war in Städten wie Freiburg oder Frankfurt natürlich nicht der Fall, aber wenn man zum Abendessen in ein 2000-Seelen Kaff am Kaiserstuhl in ein Lokal geht dann ist das sehr deutlich – so deutlich, dass man meint an mehreren Tischen verstummen sogar die Gespräche. Sehr, sehr schräg irgendwie. Oder vielleicht war das einfach, weil sie so hübsch ist. 🙂

Essen und Trinken

Restaurants in Deutschlands sind zum Glück oft Familien- oder Einzelbetriebe. Denn Restaurants in den USA sind wahnsinnig oft irgendwelche Ketten – auch wenn man das erstmal gar nicht vermutet. Und das merkt man, finde ich. Deutsche Restaurants sind irgendwie individueller und man merkt, das oft mehr persönliches Engagement als nur professionelles Management dahintersteckt (wenn man mal von einem krassen Fehltritt bei Jauch’s Löwen in Neuershausen absieht).

Hier bei uns gibt es leider doch ziemlich viele Pseudo-Schickimicki Restaurants die sich mit einer großen Weinkarte und was-weiss-ich-was brüsten, dann aber doch nur Gerichte servieren die man eigentlich genauso daheim, und billiger und besser, hätte machen können. Vielleicht liegt das schlicht daran, dass sich nicht überall in den USA eine „gutbürgerliche“ Küche entwickelt hat. Das gibt es so deutlich ausgeprägt nur in einigen Regionen (als beispiel sei mal die Cajun-Küche genannt – super lecker übrigens). Aber wenn man mich fragen würde was denn regionale Spezialitäten in Südkalifornien seien, so müsste ich mit den Schultern zucken (manchmal wird dann der Fish Taco genannt).

Essen das irgendwie „richtig“ und authentisch ist kommt eher von den vielen Einwanderern hier – asiatisch in allen Varianten, also vietnamesisch, chinesisch (und je nach Region nochmal unterschiedlich, z. B. szechuan, hunan), indisch, japanisch, dazu natürlich mexikanisch, eh klar – die Auswahl ist, vielleicht zum Ausgleich, wesentlich vielfältiger als in Deutschland. 🙂

Fazit

Was bleibt? Ein komisches Gefühl. Irgendwie fühle ich mich jetzt mehr entwurzelt als vorher. Ich hatte aus der Ferne so einen verklärten Blick auf Deutschland entwickelt, da hat alles in allem doch etwas Ernüchterung eingesetzt. Ich sitze also irgendwie so zwischen den Welten. Seltsam.

Advertisements

2 Comments

  1. Im Herzen bleibt man mit der alten Heimat verbunden…aber Deine Neue mit all den Möglichkeiten ist Dir und Deiner Familie jetzt wichtig und das ist so richtig. Dein Spot ist locker und interessant geschrieben.Wünsche Dir weiterhin alles Gute!Liebe Grüße!

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s