Kalifornien und das Wasser

Ich komme nicht umhin, mal einen Kommentar zur Berichterstattung über Kalifornien, die Dürre und das Wasser zu schreiben. (in meinem englischsprachigen Blog habe ich ja mal Vergleichsbilder gepostet: hier und hier)

Insbesondere amüsiert mich der Hinweis auf den Wasserverbrauch der Kalifornier, und der Vergleich zu Deutschland, wie in etwa Spiegel Online nun zum wiederholten Male anbringt, zuletzt in diesem Artikel: Kalifornien will aus dem Pazifik trinken, Zitat: „Seitdem hat Santa Cruz den Pro-Kopf-Wasserverbrauch auf 235 Liter pro Tag gesenkt. Das sind zwar immer noch 115 Liter mehr als etwa in Deutschland, zugleich aber der niedrigste Wert in Kalifornien.“

Versteht mich nicht falsch: das heile-Welt-Spiel mit grünem Rasen im Vorgarten und Garten, Wiesen zum Ballspiel in den Wohngebieten usw. ist in einer Region, die halt von Haus aus eher trocken ist einfach nur Irrsinn. Brauchen wir gar nicht drüber diskutieren.

San Diego liegt in etwa auf dem gleichen Breitengrad wie Bermuda, Madeira und Casablanca in Marokko. Und San Francisco im Norden Kaliforniens ist auf der gleiche Höhe wie Andalusien, Tunesien, Sizilien. Grüner Rasen gehört nicht nach Kalifornien, Ende. Die Natur ist geprägt von dürretoleranten, immergrünen Bäumen und Büschen. Grüne Wiesen und Weiden gibt es hier nur im Frühling (so nebenbei: native Gräser gibt es Kalifornien nicht mehr, da diese den Weg durch den Verdauungstrakt von Kühen, Ziegen und Schafen nicht überlebten, als die Siedler diese Nutztiere hierher brachten).

Kein Mensch käme aber auf die Idee, die Heizkosten von Deutschen und Kaliforniern zu vergleichen. Warum also beim Wasser? Wenn man derartiges Denken ansetzt, dann muß man ja eigentlich jede Ansiedlung von Menschen (mit blöden Vergleichen) in Frage stellen. Irgendwas ist überall. Im Norden muß geheizt werden, im Süden muß bewässert werden (und gekühlt, aber Kühlen ist energetisch günstiger als Heizen), und so weiter.

Gegen das von oben verordnete Zwangswassersparen von 25% regt sich in Kalifornien der Unmut, weil Landwirtschaft und Industrie davon ausgenommen sind. Private Haushalte verbrauchen einen eher geringen Teil des Wassers hier (je nachdem welche Zahlen man liest sind es zwischen 10 und 20 Prozent). Wenn man mal 20% zugrundelegt, dann sind 25% Einsparung davon halt nur 5% absolute Wassereinsparung.

Und von den 10-20% Wasserverbrauch privater Haushalte gehen bis zu 70% für die Bewässerung von Rasen und Gärten drauf. Das ist natürlich krass, könnte man weitgehend sein lassen (siehe oben), aber insgesamt ist es halt immer noch eher wenig.

Aber die Landwirtschaft hier, die einen großen Teil des Obsts und Gemüses für das ganze Land liefert verbraucht enorm viel Wasser – verständlicherweise, es regnet ja nur im Winter, die restliche Zeit muss künstlich bewässert werden. Besonders schlimm ist natürlich, dass das meiste Wasser für den Anbau von Futtermitteln wie Alfalfa draufgeht, das an Schlacht- und Milchtiere verfüttert wird – und das Zeug wird auch noch exportiert! Gleichzeitig aber trägt die Landwirtschaft nur mit 2% zur kalifornischen Wirtschaftsleistung bei (Kalifornien wäre, für sich alleine betrachtet, die siebtgrößte Wirtschaft überhaupt). Verständlich, wenn sich da nun der Unmut über zwangsverordnete Wassereinsparungen regt, oder?

Hinzu kommt, dass die Grundwasserentnahme bisher kaum kontrolliert und gemessen wird. Wer Grund besitzt und dort einen Brunnen bohrt, der kann Wasser entnehmen soviel er will. Deswegen werden in der Wüste im Osten von Kalifornien, z. B. in Borrego Springs, Südfrüchte angebaut: es gibt dort Grundwasser und Quellen (immer wenn „Well“ oder „Spring“ in einem Ortsnamen ist, dann deutet das auf eine Quelle hin – Ocotillo Wells, Palm Springs, Warner Springs, Borrego Springs, etc.) – und wenn das Wasser weiterhin so maßlos entnommen wird, dann wird es Borrego Springs nicht mehr allzu lange geben, weil auch dort der Grundwasserpegel sinkt und sinkt und sinkt.

Weiter, noch ein interessantes Detail: nur neuere Häuser haben überhaupt (eigene) Wasserzähler. In älteren Häusern und Wohngebieten gibt es für den gesamten Block/Bezirk einen gemeinsamen Wasserzähler, und die Kosten werden auf alle Häuser gleichermaßen umgelegt. Wer Single ist zahlt da natürlich wesentlich mehr für sein bißchen Wasser als die 4-köpfige Familie (die kommt im Vergleich also günstig weg auch wenn alle 2 Tage die Waschmaschine läuft). Wo da der Anreiz zum Wassersparen herkommen soll weiß ich nicht.

Eine nette Geschichte wurde kürzlich von einer lokalen Zeitung, der „Desert Sun“, publik gemacht: der von mir heißgeliebte Nestlé-Konzern zapft im dürren Südkalifornien Quellwasser aus dem San Bernardino National Forest, füllt es in Flaschen (natürlich Plastikflaschen, was anderes gibt es hier kaum noch) und verkauft es dann als „pures Bergquellwasser“.

Und als sei es nicht genug, dass ein Weltkonzern Resourcen vom Land nimmt das vom Steuerzahler in Stand gehalten wird (der o. g. National Forest eben), die Lizenz dazu ist längst abgelaufen, und eine Verlängerung wird jetzt natürlich „mit Priorität“ überprüft. Wie das ausgeht kann ich mir schon denken: Nestlé wird sein Geschäft mit dem Wasser weiter betreiben dürfen, während andernorts Milliarden für den Bau einer Anlage zur Entsalzung von Meerwasser ausgegeben werden, oder Menschen auf Wasserlieferungen angewiesen sind.

Man könnte ja stattdessen Nestlé einfach nach Hause schicken, und das Wasser aus dem San Bernardino National Forest per Tanker an die privaten Haushalte in El Dorado County oder anderswo liefern, deren private Brunnen schon im letzten Sommer trocken gefallen sind. Nur so ein Gedanke. Ich fresse einen Besen, wenn es dazu kommt.

Das größte Problem ist, dass Kalifornien der mit Abstand bevölkerungsreichste Bundesstaat der USA ist. Mehr als ein Zehntel der Gesamtbevölkerung lebt in Kalifornien. In unserem Wohngebiet (4S Ranch) sind rund 4000 Häuser und Apartments – allesamt nicht älter als 10 Jahre (vorher war da nichts außer Büschen und Hügeln, komplett im Privatbesitz). Und „nebenan“ (Rhodes Crossing) sollen jetzt 500 neue Häuser und Apartments entstehen. Da geht die zwangsverordnete 25-prozentige Wassereinsparung direkt für die Neubauten drauf. Was komplett fehlt ist ein „Masterplan“, der den Bau von Wohngebieten und die Zuwanderung in Einklang mit den vorhandenen und endlichen Resourcen bringt (dieser Mangel dürfte nicht nur auf Kalifornien zutreffen).

Das einzige was sicher ist, ist das unser Wasser viel, viel teurer wird. Und dazu ist es auch Zeit: in Deutschland bauen die Menschen wassersparende Klospülungen ein oder rüsten um, weil Wasser teuer ist, und Abwassergebühren hoch sind. Wasser ist in Deutschland aber keine Mangelware. Hier in Kalifornien ist es Mangelware, und das Wasser ist viel billiger als in Deutschland! In 20-30 Jahre alten Häusern sind Toiletten, die in einer Spülung 4 Gallonen (rund 15 Liter) Wasser verbrauchen. Für ein paar Tropfen Pipi wird Wasser vergeudet von dem ein Mensch (Tagesbedarf 2-3 Liter) vier bis fünf Tage lang überleben könnte. Irrsinn.

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2 Comments

  1. Sehr interessante Einblicke! Und in Deutschland starten die kommunalen Wasserversorger Feldzüge gegen das Wassersparen, weil angeblich die Leitungen verkeimen und die Abwasserkanäle nicht mehr ausreichend gespült werden und daher noch mehr stinken. Das mag alles stimmen, ist aber verkürzt gedacht. Viele Deutsche sparen Wasser, die meisten aber wohl am ehesten aus Kostengründen und nicht aus Umwelt- und Nachhaltigkeitsbewusstsein.

  2. Ein sehr interessanter Bericht! Bei uns wird einiges Wasser gespart indem man Regenwasser für die Gartenbewässerung sammelt.Im Sommer regnet es in Burgenland leider auch zu wenig und dann wird aus der Leitung dazu bewässert. Im Haushalt wird bei den älteren Häuser(wie auch Unseres) noch zu wenig bei den Anlagen verbessert um von Wasser-sparen zu sprechen.Die Klo-Spülungen sind wohl auf Sparen getrimmt aber dafür stinken besonders im Hochsommer die schlecht dimensionierten Abwasseranlagen zum Himmel.Abschließend möchte ich aber noch festhalten, dass besonders bei den jüngeren Menschen ,über Schule und Medien gelehrt,ein gutes Umweltverständnis herrscht.

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