Introvertiert

Ihr kennt das vermutlich: von den vielen Kindheitsgeschichten passieren nur wenige den dauerhaften Zweiphasenfilter „Eltern + Erinnerungsvermögen“ – selbst als ich meine Mutter einmal darum bat, mir doch mal irgendwelche Kleinigkeiten oder andere Geschichten aus meiner Kindheit zu erzählen lief es über kurz oder lang doch wieder auf die gleichen Anekdoten hinaus.

Eine davon ist, dass ich schon im (Vor-) Kindergartenalter eine potentielle Spielkameradin mit den Worten „soll bei Mama gehen!“ (= Alexander-Kindersprech für „er/sie möge mich bitte in Ruhe lassen und nach Hause gehen“) ablehnte, wenn ich lieber allein in meinem Kinderzimmer sein, oder bei meiner Mutter am Rockzipfel hängen wollte.

Man könnte jetzt natürlich sagen: so früh schon äussert sich eine introvertierte Persönlichkeitsrichtung! Aber eigentlich weiß man es nicht, denn es ist nur dieses eine Beispiel aus meiner Kindheit überliefert (Filter, siehe oben). Vielleicht mochte ich das Kind einfach nicht. Es war ein Mädchen, und damals gab es ja noch die Geschlechtertrennung, jedenfalls offiziell. 😉 Mädchen = Puppenhaus und Jungs = Bagger im Sandkasten. So in etwa (und vielleicht war mir außerdem schon früh klar, dass Barbie mit diesen Proportionen nicht überlebensfähig oder des aufrechten Ganges mächtig sein würde, wer weiß).

In der Tat ist es nun jedoch so, dass ich durchaus erkennbar zur Introversion neige, und als ich vor einigen Jahren (ist noch gar nicht sooooo lange her) zum ersten Mal eine der „lustigen Listen von Dingen die Introvertierte so machen“ sah, erkannte ich mich darin so dermaßen wieder, daß mir vor Erleichterung direkt ein Stein vor Herzen fiel: „Ich bin gar kein Sonderling, sondern nur introvertiert!“

Rückblickend betrachtet habe ich den größeren Teil meines Erwachsenenlebens allerdings in Berufen verbracht, die für Menschen mit Introversion vielleicht eher ungeeignet sind: als Berater und im Thekenverkauf im Baustoffhandel, etwa – ständiger Kundenkontakt, ständige Unterbrechungen der Konzentration, ständig neue, fremde Menschen zu denen man nett sein muß. Am stressigsten waren die Samstage. Keine Firmenkunden, nur Privatkunden und Laufkundschaft. Drei bis vier Stunden lang einer nach dem anderen. Danach fühlte ich mich oft regelrecht ausgesaugt.

Die liebsten Beschäftigungen waren der Abgleich von Lagerbestandslisten und die Inventurerfassung und -bewertung im Winter, im stillen Kämmerlein. Ohne Menschen. Ohne Störung. Ohne Schnickschnacksmalltalk. Ohne klingelnde Telefone. (und auch ohne Motivationspostersprüche wie „ein Kunde ist nicht die Unterbrechung unserer Arbeit, sondern ihr Sinn und Zweck!“ – wenn man die Konzentration der Ausarbeitung eines Angebots zu einer Ausschreibung mit Material im Wert 50k Euro unterbricht weil Schorsch zwei Sack Zement braucht dann sieht man das einfach etwas anders. Aber das nur nebenbei.)

Als ich das Computerhobby zum Beruf machte und meinte, mein technischen Wissen mit dem Verkauf zu kombinieren gab mir mein damals neuer Chef drei Monate „Innendienstzeit“ zur Einarbeitung, und in dieser Zeit bemerkte ich, dass ich eigentlich wohl gar kein Außendienstmitarbeiter mit Verkaufsschwerpunkt sein will. Kaltansprache von Menschen, Erstkontakt. Aus heutiger, der introvertierten Selbsterkenntnis entwachsenen Einsicht kann ich nur sagen: OH GRAUS! Glücklicherweise bemerkte der Chef das auch, wenngleich eher in Form gestiegener Produktivität seiner selbst, da ich Sachen übernahm die vorher auf seinem Schreibtisch landeten. Das hieß zwar dann kein Firmenauto, aber ich wahr allemal glücklicher so.

Und heute: bei der Portraitfotografie bin ich Shuwen’s Assistent. Ich will möglichst nicht zu viel mit Menschen zu tun haben (wenngleich man sich hinter einer Kamera ganz wunderbar verstecken kann). Die Landschafts-, Natur- und Immobilienfotografie ist genau mein Ding. Keine Menschen. Keine Störung. Kaum Schnickschnacksmalltalk. Da fühle ich mich einfach sauwohl.

Was mich letztendlich zum Kern dieses Artikels bringt: warum erfuhr ich erst als ich weit über 30 Jahre alt war durch eine lustige Liste im Internet, dass ich introvertiert bin? Testet man Kinder und Jugendliche heute mittlerweile auf diese Persönlichkeitseigenschaften, und gibt ihnen Empfehlungen für die Wahl von Bildungsweg und Karriere? Wissen Eltern, ob ihre Kinder eher introvertiert oder eher extrovertiert sind?

Wenn nicht, dann ist es aus meiner Sicht höchste Zeit dafür. Das Unbehagen, dass ich jahrelang im Berufsleben verspürte läßt sich auch mit der Introversion erklären (gepaart mit einer vermutlich vererbten Neigung zur Depression eine eher schlechte Kombination). Und schon allein die Erkenntnis, dass man introvertiert ist macht es so viel einfacher, mit Situationen in denen man sich im Berufs- und Privatleben nunmal finden wird (auch wenn sie gegen die eigene, introvertierte Natur sind) umzugehen.

Dieses Wissen um die eigene Persönlichkeit sollte man eigentlich vielen Menschen frühzeitig mit auf den Weg geben. Und es vermutlich gerade in jungen Jahren auch häufiger überprüfen.


Das Photo „The Other Side“ (oben) wurde im November 2009 am Krottensee bei Inzell gemacht. Es ist mit vielen vielen anderen meiner Fotos in meinem Shop erhältlich: The Other Side.

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1 Comment

  1. Super geschrieben…erinnert mich an meine Kindheit und an meine Kariere meines weiteres Leben…hatte auch viele ähnliche Probleme aus dieser „Unwissenheit“.Ich bin aber mit meinem Lebenslauf,besonders mit der Zeit als Pensionist, sehr zufrieden.Ich denke mit Deinem Wissen introvertiert zu sein kannst Du bestens Gegensteuern und Dich in Deiner Berufung (besonders als Künstler) bestens weiter entwickeln…ich wünsche Dir alles Gute dazu.Liebe Grüße!

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