Zuständigkeitsgefühl

Während meiner Wanderungen im Yosemite Nationalpark letzte Woche hatte ich ein Zimmer in einem Motel in Lee Vining gemietet – ein Kaff in unmittelbarer Nähe der Abzweigung zur Tiogapass-Straße und dem Osteingang zum Yosemite Nationalpark. Von Lee Vining aus fährt man keine halbe Stunde rauf zum Tiogapass, ist also relativ schnell im Nationalpark (so nebenbei: Eintritt $30 für 7 Tage und die Photos sind hier).

Lee Vining besteht aus einer Tanke mit angeschlossener Autowerkstatt, einem kleinen Kramerladen, Touristeninfo, mehreren Motels und Restaurants, und das war es so ziemlich (einige Privathäuser gibt es natürlich auch).

Erstaunlich war, wie viele Deutsche Urlauber in dem Kaff waren – abends nach dem Wandern habe ich die verschiedenen Restaurants ausprobiert, und jedesmal hörte ich an einem oder mehreren Tischen die Muttersprache. Merkwürdig, irgendwie. 🙂

Ich gebe mich da möglichst nicht zu erkennen, da Deutsche Urlauber erfahrungsgemäß irgendwie der Meinung sind, unheimlich viel von dem Land das sie da besuchen zu wissen (was natürlich oft von einer normalen und guten Wissbegierigkeit ausgeht), und teilweise von Vorurteilen so überladen sind, dass es mir zu peinlich und/oder zu blöd ist, mich darauf einzulassen – auch aus dem Gefühl heraus, dass ich dann entweder beleidigt oder besserwisserisch rüberkommen würde. Muß nicht sein.

Ich lebe hier, und finde es ganz schön. Die Leute kommen hierher zum Urlaub machen, so schlecht kann’s also gar nicht sein. Was müssen die dann über die USA als solches und die Amis usw. vom Leder ziehen wenn sie mit einem Landsmann ins Gespräch kommen? Irgendwie ganz schlechtes Benehmen. Mußte mal gesagt werden.

Stark zusammenreißen nicht doch etwas zu sagen mußte ich mich nun bei zwei Gelegenheiten. Die erste hatte mir Bier zu tun und hatte keinen so nachhaltigen Effekt, daher hier nur die zweite:

Eine Familie an der Tankstelle. Alle raus aus dem Auto während Vater den Tank auffüllt (bei einem Preis von $4 für knapp 4 Liter Sprit mit einem seligen Lächeln, sei dazugesagt). Mutter blafft Kommandos, verteilt Bananen. „Die Banane schmeckt gut, Mama!“ sagt eines der Kinder. Und deutet dann auf eine Plastikwasserflasche die auf dem Boden liegt, und will sie aufheben. Die Mutter laut: „Das ist nicht unser Müll!“ und so bleibt die Plastikflasche dort liegen. Das konnte ich ehrlich gesagt kaum fassen. Da hat ein Kind den Instinkt fremden Müll aufzuheben und die Welt auf diese Weise ein klitzekleines bißchen besser zu machen – und das wird prompt von der Mutter unterbunden. Das fand ich irgendwie befremdlich, und es hat mich sehr nachdenklich gemacht (ich habe die Wasserflasche dann in den 3 Meter entfernt stehenden Mülleimer befördert um dem Gefühl, dass ich bei dieser Szene hatte, Ausdruck zu verleihen – hach, was bin ich für ein guter Mensch, nicht?).

Heute morgen nun hat Toni beim Morgenspaziergang ihr Geschäft in einem Grünstreifen am Gehweg erledigt. Ich bin immer mit ausreichend Hundekackebeuteln ausgestattet und mache hinter ihr sauber. Manchmal hebe ich auch fremden Hundekot auf – immer dann, wenn die Hinterlassenschaft ein besonders schlechtes Bild auf Hundebesitzer werfen würde, also auf Spielplätzen und so. An unserem Frühsport-Park rast Toni herum, ich will nicht, dass da ein schlechtes Bild auf uns fällt. An diesem Morgen nun hatte neben ihrem Geschäft ein blöder anderer Hundebesitzer das Saubermachen hinter seinem Vierbeiner unterlassen. Ätzend. Ich hätte nun leicht mit einer weiteren Handbewegung den fremden Hundehaufen ebenso in die Tüte befördern können wie Tonis – und habe es mangels Dringlichkeit nicht getan. Häufchen von Toni ist tolerierbar, Kot von fremden Hunden ist eklig. Ist das nicht merkwürdig?

Sehr komisch ist es ja außerdem, wenn Toni beim Spaziergang am Lake Hodges oderso direkt neben einen Kojotenhaufen kackt. Man hebt dann den Hundehaufen auf, und läßt den Kojotenhaufen liegen. Auch irgendwie komisch. Toni wird mit Sicherheit genauso gesund und natürlich ernährt wie Kojoten. Das eine ist ein böser Haufen den man aufheben muß, das andere ist ein guter Haufen der liegen bleiben darf. Gehört ja zur Natur. 😛

Vorsatz: beim Wandern eine kräftige Plastiktüte extra mit in dem Rucksack packen. Fremden Müll aufheben und im nächsten Mülleimer entsorgen.


So nebenbei, Yosemite ist ein 3000 Quadratkilometer großer Nationalpark der zu einem großen Teil aus „Wilderness“ besteht – das ist eine besondere Designation für Land, das möglichst ohne menschlichen Einfluß bestehen und erhalten bleiben soll. Und nur damit man sich von der Größe eine Vorstellung machen kann: das sind rund 500 Quadratkilometer mehr als das ganze Saarland.

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1 Comment

  1. Ein schöner,lebhafter Bericht…Du bist ein guter Beobachter von Mensch und Natur kein Wunder ,dass Du so gute Fotos davon machst.Liebe Grüße!

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